Column

Madhavi & das Leben // Welcher Tag ist heute?

31. März 2020
madhavi-guemoes

Ich stand gestern über eine Stunde bei der Post in der Schlange. Draußen. Es war bitterkalt. Zeitweilig schneite es sogar. Moment, war das gestern? Ich komme mit den Tagen ganz durcheinander. Jedenfalls war ich war froh, eine Mütze auf dem Schädel zu haben.

Die Schlange ging bis zum Mariendorfer Damm, was schon ein ganz schönes Stück ist. Während ich in der Reihe stand, beobachtete ich meine Gedanken. Ich dachte, wie hübsch sich alle ordnungsgemäß einreihen. Wie schnell das geht. Sogar die Kinder. Auf den Zentimeter genau. Wie geduldig alle sind. Sogar ich. Erfrischend.

Dann dachte ich, dass es uns doch noch so gut dabei geht, mit dem Anstehen. Wir müssen keinen Hunger leiden, die Heizung funktioniert. Ich stellte mir die absurde Frage, ob wir ab jetzt immer so leben werden.

Werden wir uns jemals wieder mit Leichtigkeit umarmen? Ich stehe ja eh nicht so auf Umarmungen, trotzdem fehlen sie mir plötzlich. So wie ich auch keine Geburtstagsfeiern mag. Auf einmal würde ich so furchtbar gern eine Fete am Sonntag schmeißen.

Ich war sehr froh, ein warmes Getränk in den Händen zu halten, an dem ich mich dann wahnsinnig verschluckte. Ich musste ununterbrochen husten. Die Blicke, die mich von vorn und hinten trafen, hätten nicht zorniger sein können. Ich hob eine Hand und rief: “Ich habe mich nur verschluckt.” Alle atmeten tief auf. Ich kann es verstehen. Husten mag momentan niemand. Auch ich nicht.

Nachdem ich mir die Beine in den Bauch gestanden hatte, schaute mich die Frau am Postschalter mitleidig an und meinte, dass meine Pakete wahrscheinlich erst um 14 Uhr in der Filiale sein werden. Es war 11.30 Uhr. Ich beschloss, mich nicht aufzuregen. Konnte es mir aber nicht verkneifen, ihr mitzuteilen, dass der liebe Herr Paketbote gern bei uns klingeln darf, denn wir sind ganz sicher zuhause.

Für jedes Paket muss ich momentan bei der Post antanzen, die nicht gerade um die Ecke ist. Weil man uns nicht angetroffen hat. Das macht mich irre, denn es ist sehr zeitaufwendig und vollkommen unnötig, denn wir sind ja ZUHAUSE.

Langeweile? Pustekuchen!

Während sich jetzt viele furchtbar langweilen, Bücher lesen, Puzzle für sich entdecken, außergewöhnliche Rezepte ausprobieren, versuche ich mit all den neuen Aufgaben, die bei mir dazugekommen sind, irgendwie gescheit und fokussiert den Tag zu überstehen. Ich habe unglaublichen Humor entwickelt, wir machen das als Familie sehr gut. Es gibt keinen Streit, keiner schreit rum, bis jetzt. Hingabe ist das Zauberwort.

Zum Glück sind wir alle darauf bedacht, dass jeder seine Ruhe hat. Das gefällt mir. Gestern habe ich emsig die Bude geputzt. Sie sah nach 30 Minuten so aus wie vorher. Ich leiste mir den großen Luxus einer Putzfee einmal wöchentlich. Sie fehlt mir sehr. Ich zahle sie trotzdem weiter, auch wenn sie nicht kommt. Sie soll nicht darunter leiden.

Nachts ertappe ich mich, wie ich von meinen Reisen träume. Gestern meinte ich zu meinem Mann, dass ich unheimlich glücklich darüber bin, dass ich in meinem Leben immer das gemacht habe, was ich wirklich wollte. Ich habe nie auf die Meinungen anderer gehört. Wenn der Drang da war, etwas zu erschaffen, zu wachsen, bin ich den Weg gegangen. Das war oft mühsam und nicht einfach, doch wenn ich zurückschaue, macht alles Sinn. Das Leben ist kurz. Keiner wird uns am Ende des Lebens auf die Schulter klopfen, wenn wir uns immer schön kleingehalten haben. Wenn wir Erlebnisse nicht erfahren haben, keine Risiken eingegangen sind. Niemand.

Je ungewöhnlicher ein Weg, desto besser. Es gibt keine Sicherheit, nicht im außen. Das war mir schon ganz früh bewusst. Doch die Sicherheit, die wir im INNEREN kultivieren und nähren, die bleibt.

Die spirituelle Praxis ist wichtiger denn je. Sie schenkt uns Flexibilität, unterstützt uns, das Unbekannte nicht abzulehnen, wachsam zu sein und uns nicht in eine Abwärtsspirale zu begeben.

Also, ab auf die Matte. Und wenn es nur fünf Minuten sind. Wir zahlen sozusagen auf das Sicherheitskonto in uns selbst ein. Das kann in verrückten Zeiten ein wahnsinniger Halt sein. Versprochen!

P.S. Ich unterrichte mehrmals die Woche Kundalini Yoga im Livestream. Hier geht es zum Stundenplan.

xxx Madhavi

© Maria Schiffer

Madhavi Guemoes
Madhavi Guemoes dachte mit 15, dass sie das Leben vollständig verstanden habe, um 28 Jahre später zu erkennen, dass dies unmöglich ist. Sie arbeitet als freie Autorin und Vollzeit-Bloggerin in Berlin und ist Mutter von zwei Kindern. Wenn sie nicht in die Tasten haut, versucht sie auf dem Kopf zu stehen. Madhavi praktiziert seit mehr als 25 Jahren Yoga - was aber in Wirklichkeit nichts zu bedeuten hat.
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