Column

Madhavi & das Leben // Unverblümte Meinungen

17. Februar 2022
madhavi-guemoes

In den letzten Wochen erhielt ich zahlreiche Nachrichten auf Social Media, in denen unter anderem mein Aussehen thematisiert wurde. Manche wurden mir privat geschrieben, andere wurden mir direkt auf meine Facebook Timeline geschleudert.

Auch wenn ich all diese Nachrichten versuche nicht persönlich zu nehmen, bin ich immer wieder verwundert, warum fremde Menschen glauben, anderen unverblümt und ungefragt ihre Meinung ins Gesicht pfeffern zu dürfen.

Spannend ist auf jeden Fall, dass diese Kommentare immer von Frauen kommen. Neulich schrieb mir eine, wie alt ich doch mittlerweile aussehen würde. Äh, ja, ich werde 46 Jahre alt, habe null Botox oder anderen Krams in meiner Visage und finde das ist ein ganz natürlicher Prozess, wir werden alle älter. DAS IST DIE REALITÄT. Und ich freue mich so sehr auf das Älterwerden, warum nur darf eine Frau nicht natürlich altern, ohne ständig darauf aufmerksam gemacht zu werden? 

Und dann gibt es Nachrichten auf meine Instagram Stories, die mir mitteilen, wie fertig oder müde ich doch aussehen würde. Neulich schrieb sogar eine, dass ich doch besser auf mich achtgeben müsse, dazu ein rosa Herz Emoji. Merkwürdig, dass diese Kommentare immer dann kommen, wenn ich mich super fit und richtig gut in mir fühle…..

Oder die Meinungen, dass meine kurzen Haare doch so viel flotter waren als die jetzigen Zotteln auf meiner Birne. Danke, auch. Mir ein Rätsel, wie man sich damit beschäftigen kann, würde mir im Leben nicht einfallen, das jemanden zu schreiben. 

Verschwendete Lebenszeit

Wenn ich ganz ehrlich bin, finde ich es traurig zu sehen, wie Frauen sich die Zeit nehmen, anderen Frauen ihre Meinung aufzudrücken. Und dann habe ich ein klein wenig Mitleid, weil ich es schade finde, dass sie nichts Wichtigeres mit ihrer Zeit anzufangen wissen, eigentlich tragisch.

Eines der größten Hindernisse auf unserem Weg zur Ganzheit ist das Schubladendenken. Das ständige Verurteilen anderer. Warum ist es ein Hindernis? Wenn wir uns unserer wertenden Tendenzen nicht bewusst sind, werden wir wütend, hasserfüllt, defensiv, ängstlich und isoliert. Diese Eigenschaft entfremdet uns nicht nur von anderen, sondern auch von unserer eigenen Seele.

Damit meine ich nicht, dass wir uns nicht mal mit Freunden persönlich austauschen, das ist ganz normal. Oder unsere Meinung vertreten. Doch wenn ich ständig meine Gedanken über andere Menschen kreisen lasse, wie sie aussehen, was sie jetzt schon wieder machen, ist das nicht gesund und absolute Zeitverschwendung, außer, es ist mein Beruf…… 

Was bedeutet ein wertender Mensch zu sein?

Eine urteilende Person zu sein bedeutet im Wesentlichen, in einer Weise zu denken, zu sprechen oder sich zu verhalten, die eine kritische und verurteilende Sichtweise widerspiegelt. 

Wenn wir urteilen, sind wir kritisch und bemängeln eine andere Person, eine Gruppe von Menschen, eine Idee oder eine Situation. Kurz gesagt, wir sehen durch den Filter unserer Schwarz-Weiß-Überzeugungen und verurteilen etwas oder jemanden als „schlecht“, „dumm“, „unwürdig“ usw. 

Das Urteilsvermögen erstreckt sich auch auf uns selbst und führt zu Problemen wie geringem Selbstwertgefühl, Depressionen und Ängsten.

Urteilen ist nicht nur schlecht

Wenn unser inneres Urteilsvermögen ausgeglichen ist, können wir klare Entscheidungen treffen und potenziell gefährliche Situationen vermeiden. Kritisch zu sein hilft uns auch, kreativ, innovativ und einfühlsam mit den Problemen anderer Menschen umzugehen. 

Aber es gibt einen großen Unterschied zwischen Urteilen und Verurteilen. Urteile werden von einem ausgeglichenen und neutralen Geist getragen. Verurteilen hingegen entspringt einem unausgeglichenen und reaktiven Geist, der sich davor schützen will, von anderen verletzt zu werden. Wir könnten also sagen, dass das Urteilen eigentlich ein Abwehrmechanismus ist. Und manchmal glaube ich pure Langeweile.

Kritik als Verteidigungsmechanismus

Was ist ein Verteidigungsmechanismus? Das ist eine bewusste oder unbewusste Technik, die zum Schutz des Egos eingesetzt wird. Das Ego ist unser falsches Selbst, das „Ich“, mit dem wir uns identifizieren. Der Zweck des Egos ist es, dass wir uns als Überlebensinstinkt isoliert und von anderen getrennt fühlen, und das geschieht oft durch verschiedene Abwehrmechanismen.

Das Urteilen als Verteidigungsmechanismus kommt in vielen Formen

  • Wir fühlen uns überlegen (selbstgerecht), was uns einen (falschen) Selbstwert verleiht.
  • Wir vermeiden es, uns mit unseren eigenen Fehlern auseinanderzusetzen, indem wir sie bei anderen hervorheben.
  • Wir nutzen ihn als Schutz, um nicht von anderen verletzt zu werden. 

Letztendlich ist das Urteilen ein Problem des Selbstwertgefühls. Indem wir etwas finden, das wir an anderen nicht mögen oder verurteilen, schützen wir uns davor, verletzlich zu sein, vermeiden unsere eigenen Fehler und blähen unser Ego mit einem falschen Selbstwertgefühl auf. All diese Punkte haben mit unserem schwachen Selbstwertgefühl zu tun.

Wie können wir also die Gewohnheit des Urteilens aufbrechen?

In erster Linie geht es darum, an unserer eigenen Selbstwahrnehmung zu arbeiten. Je mehr Selbstakzeptanz wir entwickeln, desto leichter können wir andere auch in ihrem SEIN lassen. Wir können anfangen, uns unseren selbst sabotierenden Gedanken gewahr zu werden. Eine hilfreiche Übung ist es auch, diese Gedanken aufzuschreiben, sie schwarz auf weiß zu sehen. 

Leichter gesagt als getan, oder? Aber wenn wir langsam und stetig daran arbeiten, uns selbst zu akzeptieren, werden wir auch anderen gegenüber weniger kritisch. Bei der Selbstakzeptanz geht es darum, all das, was es bedeutet, ein Mensch zu sein, zu würdigen und ihm Raum zu geben. Anstatt hohe Ansprüche an uns selbst zu stellen, geht es bei der Selbstakzeptanz darum, uns realistisch zu betrachten, zu verstehen, warum wir so sind wie wir sind und uns im Kern anzunehmen, wie wir sind. 

Wenn wir über andere urteilen, neigen wir aufgrund unserer Überzeugungen und falschen Vorstellungen dazu, dies recht flink zu tun. Aber voreilige Schlüsse machen uns blind, unnötig eng und führen dazu, dass wir die Komplexität anderer schnell ausblenden und ignorieren. 

Menschen, die zum Beispiel gemein, grausam, oberflächlich, unzuverlässig oder unfreundlich sind, handeln fast immer aus einer Art innerem Schmerz heraus – meist aus Angst, Frust oder Traurigkeit. Wenn wir hinter die Fassade und das unmittelbare Erscheinungsbild einer Person schauen, entdecken wir oft sehr menschliche und tragische Kämpfe. Das wiederum hilft uns, Mitgefühl zu zeigen.

Betrachtet immer alle Seiten, gerade in einer spannenden Zeit wie dieser. Es gibt nicht immer nur eine Wahrheit. 

Seid bereit, euch zu irren!

Fragt euch: Habe ich alle Seiten angeschaut? Ihr kennt niemals die Geschichten anderer. Wenn ihr jemanden schreibt, dass er oder sie fertig aussieht, wisst ihr nicht, was in deren Leben los ist. Vielleicht ist jemand gestorben? Oder es gab eine schlechte Nachricht? Warum müssen wir das noch kommentieren und damit andere vielleicht verletzen? Warum glaube ich, dass meine Meinung jetzt so wichtig ist, dass ich sie jemanden anderen aufdrücke? 

Wenn es eure Gewohnheit ist, andere zu verurteilen, verengt sich der Geist, und wir sehen nur noch mit einem Tunnelblick, wir sind nicht mehr mit der Realität verankert und verlieren uns in der Welt des Verurteilens. Eine gute Übung, um aus dem Urteilen herauszukommen, ist sich auf den gegenwärtigen Moment mit einem tiefen Atem zu konzentrieren, den Kreislauf der wertenden Gedanken zu unterbrechen. Auf meinem Podcast findet ihr auch einige geführte Meditationen, die euch dabei unterstützen euren Wert zu erkennen, mehr bei euch anzukommen. 

Eine weitere Übung, die mir persönlich sehr hilft:

Immer wenn ihr spürt, dass ihr andere verurteilen möchtet, findet etwas an ihnen, das liebenswert oder besonder schick ist. Sucht etwas, dass irgendwie positiv ist. Vielleicht haben sie eine offensichtliche Gabe, die inspirierend ist?

Das hilft, den Fokus auf das Verurteilen aufzulösen. Und es sendet eine ganz andere, nämlich erhebendere Frequenz aus, als wenn ihr eure herunterziehende Meinung jemanden ins Gesicht feuert. Wenn ihr andere mit euren Worten nicht erheben könnt, haltet am besten euren Mund, so verschwendet ihr nicht eure kostbare Lebenszeit und schafft weniger Leid in eurem Umfeld.

x Madhavi

P.S. Rechtschreibfehler sind gewollt und dazu da, euch in der Birne wach zu halten. Gern geschehen!

© Maria Schiffer

Madhavi Guemoes
Madhavi Guemoes dachte mit 15, dass sie das Leben vollständig verstanden habe, um 30 Jahre später zu erkennen, dass dies schier unmöglich ist. Sie arbeitet als freie Autorin, Aromatherapeutin, Podcasterin, Bloggerin und Kundalini Yogalehrerin weltweit und ist Mutter von zwei Kindern. Madhavi praktiziert seit mehr als 30 Jahren Yoga - was aber in Wirklichkeit nichts zu bedeuten hat.
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  • kathi
    17. Februar 2022 at 12:29

    D A N K E liebe madhavi!! so so wahr! <3

  • Ulli
    17. Februar 2022 at 12:40

    nichts hinzuzufügen

  • Evelyn
    17. Februar 2022 at 13:15

    so true – danke!

  • Alex
    17. Februar 2022 at 16:49

    Absolut auf den Punkt! 🙏

  • Bibi
    17. Februar 2022 at 22:56

    Absolut richtig !

  • Nikki
    18. Februar 2022 at 7:16

    Einfach nur „JA“ !!!!

  • Anja
    18. Februar 2022 at 12:55

    Wahre Worte, danke dafür!

  • Suravi Sandra Wolf
    18. Februar 2022 at 20:35

    🙏Volltreffer 😘

  • Manu Gräber
    18. Februar 2022 at 22:58

    L❤️VE IT!

  • Klara
    25. Februar 2022 at 9:40

    Ein grandioser Artikel mal wieder, liebe Madhavi! Und das P.S.: ✨👌😹

  • Nadine
    23. April 2022 at 12:54

    Danke Dir, genau das habe ich gerade gebraucht!

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