Column

Madhavi & das Leben // Auf mehreren Ebenen beleidigt

16. November 2020
kolumne

Die Woche begann damit, dass ich mitten im Traum vor lauter Schreck erwachte. Jemand hatte mir die nackte Wahrheit gesteckt. Mein echter Vater war Donald Trump. Davon musste ich mich erst einmal in meinem Sadhana erholen und war besonders emsig in der Kundalini Yoga Übung Fists of Anger, bei der man so richtig Dampf ablassen kann.

Währenddessen merkte ich, dass meine Lunge brannte, ich recht flink aus der Puste war und mein Hals immer mehr schmerzte. Ja, Symptome, die mich nachdenklich machten. Brennen in der Lunge habe ich tatsächlich noch nie gehabt.

Nachdem der beste Freund meines Sohnes gerade positiv auf Corona getestet wurde, war ich mir sicher, dass ich lieber auch einen Test machen sollte. Ich, die eigentlich artig rund um die Uhr in ihren vier Wänden hockt.

Ich ging zu Fuß zum Arzt, bloß niemanden begegnen, dachte ich. Wäre doch fatal, jemanden in der Bahn anzustecken, falls ich krank sein sollte. Ich kam auch gleich dran. Mit Symptomen geht’s ganz flott.

Vielleicht auch nur ein stinknormaler Infekt

Ich musste mich auf einen Stuhl setzen und der Arzt, der in voller Schutzmontur vor mir stand, fragte mich, ob ich Angst hätte. Ich schaute ihn verdutzt an und fragte, warum ich denn Angst haben sollte. Ich erzählte ihm von meinen Symptomen, dann sollte ich mich auf eine Liege setzen. Vorsichtig meine Maske abnehmen.

Es war alles ein bisschen absurd und irgendwie auch wieder nicht. Er horchte meine Lunge ab. Alles tipptopp. Der Hals geschwollen. “Tja”, sagte er, “es gibt ja nicht nur Corona, liebe Frau Guemoes. Sieht nach einem Infekt aus.”

Er schob mir trotzdem einen Spachtel (fühlte sich wie einer an!) weit nach hinten in den Rachen, was ich schon kannte. War unangenehm, aber nicht der Rede wert. Dann furchtelte er mit einem ellenlangen Stäbchen vor meiner Nase herum und schob dieses auch in sie hinein. Ok, dachte ich, alles halb so wild, bis er mir befahl, tief einzuatmen, was ich genussvoll tat. Denn tief atmen, das kann ich sehr gut.

Das Stäbchen landete von der Nase gefühlt tief in meinem Magen. Am liebsten hätte ich dem Arzt eine gescheuert. Nun wusste ich, was er mit Angst meinte. Ich saß tränenüberströmt vor ihm, die Tränen liefen einfach, ich konnte da gar nichts machen.

Schockstarre

Ich schaute ihn geschockt an, wie man jemanden anschaut, der gerade mächtig eine Grenze überschritten hat. Ich bin wirklich nicht empfindlich. Habe zwei Kinder, die komisch im Bauch lagen, ohne Narkose auf die Welt gepresst. Aber die Sache mit dem Stäbchen in der Nase, das werde ich so schnell nicht vergessen.

Ich bekam einen Code, den ich in meine Corona App geben sollte. Die hatte ich mir in weiser Voraussicht schon heruntergeladen. Innerhalb von 24 Stunden sollte ich also darüber benachrichtigt werden.

Ich ertappe mich nun, ständig nachzuschauen, obwohl ich weiß, dass die App mich benachrichtigt, wenn das Ergebnis da ist.

Als ich nach Hause kam, fand ich eine Email von meiner Casting Agentur für einen Werbe-Spot für Inkontinenz. Plötzlich wusste ich nicht mehr, worüber ich mehr beleidigt sein sollte, Trump als Vater zu haben, oder mittlerweile Werbeangebote für ältere Damen zu erhalten.

Flink rollte ich mich auf meine Yogamatte, ballte wieder meine Fäuste, atmete tief durch und machte noch eine Runde Fists of Anger. Diesmal ohne brennen in der Lunge.

Vielleicht bin ich auch nur ein Hypochonder und morgen weckt mich die Corona App mit guten Nachrichten! Ich bin gespannt!

xxx Madhavi

P.S. Der Testbefund war dann auch zum Glück negativ. Puh!

 

Madhavi Guemoes
Madhavi Guemoes dachte mit 15, dass sie das Leben vollständig verstanden habe, um 28 Jahre später zu erkennen, dass dies unmöglich ist. Sie arbeitet als freie Autorin und Vollzeit-Bloggerin in Berlin und ist Mutter von zwei Kindern. Wenn sie nicht in die Tasten haut, versucht sie auf dem Kopf zu stehen. Madhavi praktiziert seit mehr als 25 Jahren Yoga - was aber in Wirklichkeit nichts zu bedeuten hat.
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