Column

Madhavi & das Leben: Ist Amma jetzt arbeitslos?

20. Mai 2021
madhavi-guemoes

Ich sehe einen klitzekleinen Lichtstrahl am trüben Berliner Himmel. Es ist kalt, viel zu kalt für Mai. Ich kann mich nicht erinnern, dass es jemals im Mai so kalt gewesen ist. Zumindest nicht so lange ich hier lebe, was immerhin schon sieben Jahre sind. Die Zeit rast, meine Kinder werden immer größer, und ich würde so gern mal kurz die Zeit anhalten. Schon ein halbes Jahr im Lockdown. Gestern fuhr ich nach Prenzlauer Berg, ein Stadtteil, den ich eigentlich meide wie der Teufel das Weihwasser, ich weiß jedoch noch immer nicht genau warum. 

Was soll ich sagen, es war wie ein Kurzurlaub. Ich war überrascht. Die Lädchen hatten halb geöffnet, überall waren kleine Cafés, irgendwie hübsch idyllisch, heile Welt. In meinem Kiez schließt gerade ein Geschäft nach dem anderen, das Leben ist rauh und das spürt man dort auch. Welten trafen aufeinander. 

Es tat so gut, und ich hatte seit langem mal wieder ein richtiges Gefühl von Leichtigkeit, was mir aber erst dort klar wurde, weil ich mal kurz durchatmen konnte. Allein dadurch, dass ich meinen Radius erweitert und mal wieder einen Menschen getroffen hatte. Ich hatte lustige und tiefe Gespräche, ab und zu ließ sich die Sonne blicken und kitzelte meine Nase. 

Isolation ist kein Spaß

Wir sprachen darüber, wie isoliert man eigentlich gerade ist, keiner meldet sich mehr, jeder macht sein Ding. Darüber hatte ich die letzten Tage viel nachgedacht. Diese Isolation in der Gesellschaft macht unheimlich viel mit uns. Ich bin sehr gern allein, doch mittlerweile sehne ich mich nach Menschenmassen, meinen Freunden und meiner Familie und ganz viel im Arm rumhängen. Ich bin gespannt, wie die Zukunft wird, ich hoffe jedoch, dass wir bald alle wieder zusammenkommen und fröhlich sein können. 

Ich könnte mir vorstellen, in naher Zukunft eine Art zweite Amma zu werden, ihr wisst schon, dass ist die Guru Dame, bei der sich alle in den Schoß schmeißen, um eine Umarmung aka Segnung zu erhalten und dann völlig aus dem Häuschen sind. Mein Freund Subuthi hat darüber auch in seinem neuen Buch geschrieben. Neulich musste ich plötzlich an sie denken, weil sie ja gerade quasi arbeitslos ist. 

Ich fragte mich, ob sie jetzt froh ist, mal eine Pause vom ständigen Kuscheln zu haben oder ob sie Existenzängste hat, weil, nun ja, man nicht weiß, wie die Zukunft des Umarmens sein wird. Anders als bei den ganzen anderen spirituellen Lehrer*innen kann man Umarmungen nicht so richtig gut online übertragen. Ich werde mich auf jeden Fall bald allen Menschen, die mir nur ein kurzes Hallo zuwerfen, in die Arme schmeißen, ob sie wollen oder nicht.

Früher habe ich es in der Osho Commune in Pune gehasst, wenn mich Leute minutenlang umarmt haben als wäre ich eine Wärmflasche. Und dann dieses tiefe miteinander atmen. Der absolute Horror. Mein Mann und ich (er ist auch Sannyasin) müssen immer darüber lachen, weil auch er darauf nie Bock hatte. Aber jetzt ist alles anders. Ich habe alle lieb und werde es allen zeigen. Also Obacht!

Aufschieberitis

Die letzten zwei Wochen war ich im stetigen Kampf mit mir, ich gebe es zu, denn ich war dabei, mein neues Buch zu beenden. Ich musste ständig über mich selbst kichern oder mich ärgern, wie ich die merkwürdigsten Dinge anfing, nur, um nicht wieder am Schreibtisch zu landen und auf den Bildschirm zu starren. Ich habe mir sogar aus lauter Verzweiflung eine neue Zahnbürste gekauft, die ich mit einer App benutze. Und mein Highlight des Tages ist, wenn die App mir sagt, dass ich meine Zähne mit der perfekten Abdeckung geschrubbt habe. Dann bekomme ich eine Medaille, was für ein Glücksgefühl in diesen schroffen Zeiten. Ich bin sehr schlicht, denke ich manchmal, mir machen solche Dinge Freude. Passiert ja sonst nicht viel im Leben gerade. 

Jedes Mal, wenn ich wieder prokrastinieren wollte, bin ich ins Bad geschlendert und habe emsig drei Minuten lang meine Beißerchen geputzt, kein Scherz. Und dann noch eine Maske aufs Gesicht geklatscht und weiter ging’s mit dem Tippen. Irgendwann wurde der Druck aber so groß, dass es keine kleinen Pausen zwischendurch mehr gab (Zähne also nur noch zweimal täglich geputzt),  was mich enorm stresste. 

Ich bin eigentlich sehr diszipliniert und bekomme alles immer hin, doch das war next Level Aufschieberitis. Vielleicht auch, weil ich so viele schöne Sachen auf einmal machen möchte und das Wegschließen auf längere Zeit für nur ein Projekt mir immer schwerfällt.

Das Gute daran war, dass ich mich genau beobachten konnte. Der innere Dialog zwischen Kleinkind und herrschender Mutter jedoch war kein schöner. Wie froh ich bin, dass ich meine spirituelle Praxis habe, die mich darin schult, mich zu beobachten und mich selbst nicht so bierernst zu nehmen. Das sollte man sowieso niemals tun. Groß war die Erleichterung als ich mein Manuskript endlich abgeschickt hatte. Endlich wieder Zeit für alles andere. Und ich habe dieses Jahr noch so viel vor. Dafür bleibe ich dann auch gern mal wieder längere Zeit am Schreibtisch kleben, die Zahnbürste wird’s schon richten!

x Madhavi 

 

© Maria Schiffer

Madhavi Guemoes
Madhavi Guemoes dachte mit 15, dass sie das Leben vollständig verstanden habe, um 30 Jahre später zu erkennen, dass dies schier unmöglich ist. Sie arbeitet als freie Autorin, Aromatherapeutin, Podcasterin, Bloggerin und Kundalini Yogalehrerin weltweit und ist Mutter von zwei Kindern. Madhavi praktiziert seit mehr als 30 Jahren Yoga - was aber in Wirklichkeit nichts zu bedeuten hat.
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  • kathi
    21. Mai 2021 at 12:29

    <3

  • Eva
    22. Mai 2021 at 1:45

    😊🥳🪅💐

  • LaraYoga
    25. Mai 2021 at 13:32

    Ich sehnte mich auch lang danach, endlich wieder Menschen zu sehen und muss sagen, dass das in den letzten Tagen wieder möglich war, aber es kostete soviel Energie.. da merkt man richtig wie schnell man sich an das allein-sein gewöhnt und wie ungewohnt es ist, wieder mit anderen in Kontakt zu treten.. bin gespannt wie lange das noch so ist, also ab wann es wieder normal is haha 🙂

  • Antje
    25. Juni 2021 at 22:18

    Liebe deine Beobachtungen! Und Gratulation nochmals zur Manuskriptabgabe 👏💪

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