Column

Madhavi & das Leben / Eine Notlandung, mein innerer Yogi und ich

26. November 2021
madhavi-guemoes

Auf meinem Weg nach Los Angeles letzten Sonntag durfte ich wieder so viel über mich und andere Menschen lernen, mir ist noch immer ganz schwindelig. Und erst ein paar Tage später bin ich fähig, die Worte, die folgen werden, in meinen Computer zu tippen. Ich bin selten sprachlos, aber dieser Flug hatte es wirklich in sich. Aber von vorn. 

Sonntag begab ich mich auf meinen 1. Langstreckenflug nach fast zwei Jahren, Frankfurt – Los Angeles. Angeschnallt, Maske auf, ich war bereit. Ich hatte einen Platz mit viel Beinfreiheit weiter vorn in der Mitte des Fliegers, vier Plätze nebeneinander, ich saß links außen, ein älterer Japaner, der aussah wie Mr. Miyagi aus Karate Kid, saß rechts außen. Die Stimmung war friedlich, zwei Plätze zwischen uns frei, welch ein Geschenk.

Bis sich plötzlich eine Frau sehr unfein mit viel Getöse durch die Beine von Mr. Miyagi schlängelte und mit einem lauten Seufzer zwischen uns Platz nahm. Sie muss um die 50 gewesen sein, dunkles Haar, viel Parfüm, viel Schminke, viel Schmuck. Und wie sich herausstellte, ohne jegliche Manieren. 

Als nach dem Start die Anschnallzeichen erloschen, zog sie sofort ihre Schuhe aus und nahm sich, Achtung, alle Kissen, die sie finden konnte. Baute sie zu einem Turm direkt auf meiner Armlehne zusammen und schmiss ihren Kopf auf meinen Schoß, die Füße auf den von Mr. Miyagi. Sie nutzte beide Plätze zwischen uns als Bett. Kann man machen, dachte ich. 

Ich atmete tiefer, schaute rechts auf meinen Arm, auf dem ihre Haare lagen und auf ihren Kopf, der immer mehr auf meinen Schoß fiel. Gut, er war noch ein Stück auf der Armlehne, doch meinen Arm konnte ich dort nicht mehr verfrachten. Sie hatte also zwei Plätze, meine und Mr. Miyagis Armlehne, und wir mussten schauen, wie wir zurechtkommen.

Mein innerer Yogi und ich waren im Kampfmodus. Er wollte, dass ich es einfach wegatme, engelsgleich die Situation umarme, es über mich ergehen und die gute Frau einfach schlafen lasse. Ich lauschte Mantren und atmete noch tiefer, als ich dann sah, dass sie ihre Maske über die Augen zog. Also die Maske, die eigentlich über Mund und Nase gehört, war nun über den Augen und nicht mehr dort, wo sie eigentlich hingehört. Ich schaute auf ihre ungepflegten Haare und nach 30 Minuten hatte ich den Kampf mit meinem inneren Yogi gewonnen. 

Sie lag auf meinem Schoß, der Kopf direkt unter meinem, hatte ich schon erwähnt, dass ich mich vor fremden Haaren ekle? Zumindest, wenn sie ungefragt auf meinem Körper landen. Ich tippte sie an uns sagte ihr, dass ich mich unwohl fühle, wenn sie so nah an mir dran klebt, Corona und so, und sie sich doch bitte von meinem Schoß entfernen soll.

Da Mr. Miyagi anscheinend nicht fähig war, seine Gefühle auszudrücken, er mich aber angewidert und flehend alle zwei Minuten anschaute, übernahm ich für ihn und sagte ihr, dass es auch nicht in Ordnung sei, die Füße auf den Schoß anderer Menschen im Flugzeug zu legen. 

Sie war wütend und verstand nicht, warum sie jetzt nicht auf meiner Seite liegen durfte. Sie fluchte, warf mir einen wütenden Blick zu und setzte sich auf. Mr. Miyagi lächelte zart. 

Zwei Minuten später, ich konnte es kaum fassen, gleiches Spiel, baute sie sich wieder alle Kissen zusammen und landete auf der Schulter von Mr. Miyagi. Die Füße zwar nicht auf meiner Armlehne, aber sehr nah dran, der Duft der Füße war nicht angenehm. Hätte ich es nicht besser gewusst, hätte ich vermutet, die beiden wären ein Paar. 

Er fühlte sich sehr unwohl und schaute mich immer wieder an. Ich dachte nur, da mische ich mich jetzt nicht nochmal ein, du bist alt genug, selbst deine Grenzen zu ziehen. 

Nach etwa weiteren sechs Stunden hatte auch er die Faxen dicke und sprach einen Flugbegleiter an. Der schaute auf die Frau und meinte nur: “Was soll ich ihrer Meinung nach jetzt tun? Da kann ich nichts machen.” Ich rollte mit den Augen. Aber Mr. Miyagi gab nicht auf und sprach eine weitere Flugbegleiterin an. Sie tippte der Frau auf die Schulter und gab ihr zu verstehen, dass sie das nicht darf. 

Die Dame war wieder erbost und fing an, mit der Flugbegleiterin zu argumentieren. Warum sie nicht auf seiner Schulter liegen darf. Warum sie überhaupt nicht auf den beiden Sitzen liegen darf. Die Flugbegleiterin fand heraus, dass es gar nicht der ursprüngliche Platz der Frau war, dass sie eigentlich weiter hinten hätte sitzen müssen. Sie sprach sie darauf an und meinte, dass sie auf ihren eigentlichen Platz zurück müsste, wenn sie hier zwei Leuten auf die Pelle rückt während der Corona Zeit. Und bitte, die Maske über Mund und Nase, danke. 

Die Frau schimpfte und wollte es einfach nicht verstehen. Dann kam der Purser, der führende Flugbegleiter, und nahm sich der Sache an. Erklärte ihr deutlich, dass sie weder auf meinem Schoß noch auf Mr. Miyagis Schulter liegen durfte. Dann zischte sie etwas von “du Rassist” und er machte ihr deutlich, dass er, wenn sie nicht aufhören würde die Leute zu belästigen, sie in Los Angeles aus dem Flugzeug rausholen lassen würde. Nachdem der Purser gegangen war, schaute sie mich hasserfüllt an, nahm eine ganze Batterie von Pillen mit und stampfte davon. Irgendwie hatte ich ein ungutes Gefühl. Ihre Sachen waren noch alle am Platz, aber sie kam nicht wieder. Gut, dachte ich mir, sie spaziert wahrscheinlich herum, oder sitzt an ihrem eigentlichen Platz…..

Auf einmal bemerkte ich, wie der Flieger rasant an Flughöhe verlor. Ich schaute auf den Monitor und war beunruhigt, da wir noch etwa zwei Stunden bis Los Angeles vor uns hatten. Alles wurde auf einmal hektisch. Es wurde nach einem Arzt gerufen. Oh, oh, dachte ich. Der Pilot sprach von Notlandung in Denver, in 15 Minuten. Darauf war ich nicht eingestellt, aber offen für neue Erfahrungen. 

Eine Frau, mit der ich schon vorher gesprochen hatte, kam zu mir und sagte, es gäbe zwei medizinische Vorfälle, einen Herzinfarkt und die Frau, die neben mir saß hätte wohl zu viele Pillen geschluckt. Näheres konnte sie nicht sagen. 

Ich dachte kurz darüber nach. War ich jetzt schuld, dass die Frau sich, ich vermute mal, das Leben nehmen wollte? War ich schuld an der Notlandung? Weil ich ihr meine Grenzen aufgezeigt hatte? Hätte ich engelsgleich weiter geatmet, wäre sie nicht an der Schulter von Mr. Miyagi gelandet, und wir wären immer noch auf dem Weg nach Los Angeles und nicht in Denver….

Diesen Gedanken verwarf ich aber sofort wieder, denn es ist mein gutes Recht, mein Unwohlsein auszudrücken und Grenzen zu ziehen. Ich bin nicht dafür verantwortlich, was andere daraus machen. 

Trotzdem hatte ich ein ganz furchtbares Gefühl im Magen. Ich sah die Frau vor meinem inneren Auge leblos am Boden liegen, ich, die sie nicht hatte schlafen lassen. Ich Monster.

Aber es kam ganz anders.

In Denver gelandet, stiefelte sofort der medizinische Support herein. Ja, ungefähr so, wie man es aus amerikanischen Serien kennt.

Es wurde ein Rollstuhl reingeschoben. Ich war verwirrt. Keine Trage? 

Ich war fassungslos, denn die gute Frau wurde mit diesem Rollstuhl direkt an mir vorbei kutschiert und Obacht, sie war wohlauf. Und während sie an mir vorbei fuhr lächelte sie mich ganz zynisch an und sagte ganz leise “es ist deine Schuld”. Und fluchte etwas auf Spanisch. Ich saß wie gelähmt in meinem Sitz. War ich jetzt verflucht? 

Wir starteten ziemlich rasant, wie wir runtergekommen waren. Es brauchte ein paar Minuten, bis ich mich wieder gesammelt hatte. Und dann kamen die Turbulenzen. Generell weiß ich, dass das normal ist, so 1-2 Stunden vor Los Angeles, aber diesmal fürchtete ich wirklich kurz, dass ein Fluch auf mir liegen würde und wir alle abstürzen. In diesem Moment tauchte mein innerer Yogi wieder auf und flüsterte mir, niemand kann dich verfluchen, wenn du es nicht zulässt. Und du lässt es nicht zu, richtig? 

Gelandet in LAX mit 2,5 Stunden Verspätung ging es recht flott durch die Kontrollen, was ich sonst anders gewohnt bin. Die Zeit wurde somit wieder eingeholt. 

Fazit:

Wir haben es nicht in der Hand, was andere Menschen mit unseren Entscheidungen machen. Wir sollten niemals Angst davor haben, unsere Bedürfnisse, Grenzen, Anliegen und Wünsche mitzuteilen, aus Sorge, unser Gegenüber kann die Situation nicht aushalten. Natürlich sollte es immer achtsam ausgedrückt werden. Ein schlechtes Gewissen bringt uns niemals weiter. Abstreifen und weiter geht’s!

x Madhavi 

P.S. Das Shirt ist aus meiner MADHAVI Collection und ist hier zu haben.

Madhavi Guemoes
Madhavi Guemoes dachte mit 15, dass sie das Leben vollständig verstanden habe, um 30 Jahre später zu erkennen, dass dies schier unmöglich ist. Sie arbeitet als freie Autorin, Aromatherapeutin, Podcasterin, Bloggerin und Kundalini Yogalehrerin weltweit und ist Mutter von zwei Kindern. Madhavi praktiziert seit mehr als 30 Jahren Yoga - was aber in Wirklichkeit nichts zu bedeuten hat.
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  • Nancy Maitri Devi
    1. Dezember 2021 at 9:52

    Wow, was für eine Story!
    Aber du sprichst mir wie so oft aus dem Herzen. Vielen Dank dafür.🙏

  • Christian
    9. Dezember 2021 at 17:17

    Sehr cool! Deine Story berührt.
    Danke und Herzliche Grüße

  • Sigrid
    16. Dezember 2021 at 8:46

    Guten Morgen Madhavi,
    Was ne Geschichte!!
    Ich finde auch, dass das so wirklich richtig war.
    Was so alles passiert, wenn man mal wieder unterwegs ist… 😊😊

  • Sigrid
    16. Dezember 2021 at 8:48

    Coole Geschichte!!
    Ja was alles passiert, wenn wir uns bewegen… 😊😊😊

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